Herrschaftszeiten!

Unternehmen testen Angestellte per Bluttest nach Erkrankungen

Weder als Profiradrennfahrerin, noch als Astronautin oder dergleichen hatte sich eine Frau bei Daimler in Bremen beworben – und sich wohl ein wenig gewundert, als in der letzten Bewerbungsetappe dennoch ihre Blutwerte verlangt wurden. Nach Ansicht von Daimler zu Unrecht, sei doch dieses Prozedere seit längerem gängige Praxis. Nachdem die Bewerberin sich an die Presse gewandt hatte, konnten weitere Angestellte ausfindig gemacht werden, die ebenfalls Blutproben abgeben mussten, damit ihre Bewerbungen akzeptiert wurden. Legal ist all das natürlich nicht. Nur traute sich bislang offenbar niemand, sich zu beschweren.
Weiter wurde bekannt, dass von Beschäftigten bei Daimler -sozusagen nach bestandenem Bluttest- ferner verlangt wurde, detailliert Rechenschaft über alle Erkrankungen abzulegen. Auf dieselbe effektive Weise hatte auch die Deutsche Bahn über Jahre ihren Krankenstand gesenkt, bis die neue Konzernführung im August das dafür verantwortliche mittlere Management vor die Tür setzte.
Auch bei Lidl, Schlecker und Müller wurden offenbar Erkrankungen von Beschäftigten ausgeforscht. Bei der Drogeriemarktkette Müller gab es für die so genannten Krankenrückkehrgespräche sogar ein offizielles Formular, wie im April bekannt wurde.
Politiker_innen der Grünen und der Linkspartei reagierten Anfang November mit der Forderung, ein Arbeitnehmerdatenschutzgesetz zu verabschieden und selbst im Koalitionsvertrag wurde jüngst festgeschrieben, das bestehende Datenschutzgesetz entsprechend zu ergänzen. Doch was soll dies bringen? Diese Praxis ist bereits nach geltendem Recht illegal.
Dennoch muckt niemand auf, zumal für die Bewerber_innen oft einiges auf dem Spiel steht. Wie weit diese Verinnerlichung von Leistungszwängen gehen kann, zeigt die Selbstmordwelle, die bei der französischen Telecom eine Phase der „Restrukturierung“ des Unternehmens begleitete. In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich dort 23 Angestellte das Leben. Ein Kollege hatte sich, nachdem er einen Brief aufgesetzt hatte, in welchem er die Belastung durch die neuen Arbeitszeiten und die Versetzung in einen Vorort von Straßburg beklagt, vor den Augen seiner Mitarbeiter_innen ein Messer in den Bauch gerammt.
Ein Datenschutzgesetz mag gegen solche Zwänge ein erster Schritt sein. Doch die Lösung kann nur eines sein: kollektives Aufbegehren.