Boykott im Lager

Wenn man vor der Bratpfanne zum Feuer flieht, um nicht gegrillt zu werden

Mehr als zwei Monate haben über 200 Menschen in zehn Lagern in Bayern für ihre Rechte, ihre Freiheit und ihre Menschenwürde gestreikt.
Angefangen hat alles in Bayern: Aus Protest gegen die schlechten Lebensbedingungen von Migrant_innen sind zehn Bewohner_innen der Lager in Hauzenberg und Breitenberg im Landkreis Passau Ende Januar in einen unbefristeten Hungerstreik getreten. Weitere Lager, in denen Lebensmittelpakete boykottiert wurden, folgten.
Im saarländischen Lager Lebach verweigerten Menschen seit Anfang März die Annahme von Lebensmittelpaketen. Ein Besuch des Innenausschusses des Saarländischen Landtags wurde zum Anlass genommen, gegen die Versorgung durch Lebensmittelpakete zu protestieren. Die Migrant_innen forderten Geldleistungen, um selbstbestimmt einkaufen zu können. Denn die Essenspakete sind kaum auf die Ernährungsgewohnheiten der Menschen zugeschnitten und bestehen nur aus Grundnahrungsmitteln und Konserven. Berichten von Lagerinsass_innen zufolge ist zudem die Versorgung in den vergangenen Jahren immer schlechter und eintöniger geworden. Mittlerweile ist der Boykott etwas abgeflaut, vorwiegend deshalb, weil die meisten Betroffenen keine andere Wahl haben.
Das Saarländische Innenministerium hält aber trotzdem an den Essenspaketen fest, denn sie sicherten die Versorgung und seien billig. Der saarländische Innenstaatssekretär Georg Jungmann ist der Ansicht, Geldleistungen hätten in der Vergangenheit dazu geführt, dass Migrant_innen andere beraubt und erpresst hätten. Mehr Geldleistungen würden daher zu einer „Eskalation der Gewalt“ führen. Seine Aussage wird vom Saarländischen Flüchtlingsrat scharf kritisiert: „Wer Flüchtlinge kollektiv verleumdet und jetzt einfach nur nach mehr Polizei verlangt, statt sich darüber Gedanken zu machen, warum es diese Proteste überhaupt gibt, dokumentiert seinen mangelnden politischen Sachverstand und erweist sich als Fehlbesetzung. Nicht law and order werden gebraucht, sondern dialogorientierte Problemlösungen im Interesse der Flüchtlinge“.
In Bayern soll es nach einer Unterbrechung des Hungerstreiks weitergehen. Streikende Menschen in den Lagern in Hauzenberg, Breitenberg, Augsburg, Passau und Straubing rufen nach Aussetzung des Boykotts zur Fortsetzung des Protestes auf. Denn die Forderungen der Streikenden sind nach wie vor nicht erfüllt.
Weder in Bayern noch in Lebach beschränken sich die Protestierenden auf die mangelhafte Versorgung: Die Menschen fordern Bargeld statt Essenspakete, das Recht auf freie Wahl der Unterbringung, das Recht, sich unabhängig von restriktiv vergebenen Arbeitserlaubnissen Arbeit suchen zu dürfen, das Recht der Bewegungsfreiheit auch außerhalb des Landkreises, dem sie zugewiesen wurden und einen respektvollen Umgang der deutschen Behörden mit den hier lebenden Migrant_innen.
Bedingt durch die deutsche und europäische Gesetzgebung leiden diese immer noch unter permanenter Diskriminierung, sozialer Isolation und daraus resultierender Frustration.
Ein Mann aus Sierra Leone, der im Lager in der Calmbergstraße in Augsburg untergebracht ist, erklärt: „Wenn jemand wegen inhumaner Bedingungen fliehen muss und sich schließlich in der Calmbergstraße wieder findet, ist das als ob man von von der Bratpfanne zum Feuer flieht, um nicht gegrillt zu werden. Wie lange müssen sich noch 50 Flüchtlinge eine Toilette teilen? Wie soll das funktionieren? Wie lange soll die gleiche Zahl an Leuten sich weiterhin eine Küche teilen? Wie lange sollen drei bis vier Erwachsene noch für fünf bis zehn Jahre in einem Zimmer wohnen?”