who’s next?

Polizeiarbeit mit Vorhersagesoftware

„Die Polizeiarbeit der Zukunft hat begonnen“, so wirbt das Institut, das die Prognosesoftware „precob“ entwickelt hat. Sie soll erkennen können, wann und wo Einbrüche mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind und damit die Polizeiarbeit effektiver gestalten – und uns allen natürlich mehr Sicherheit bringen. Seit Oktober 2014 testet nun die bayrische Polizei diese Software und hat sie auch Ende November im Rahmen eines zweiwöchigen Schwerpunkteinsatzes benutzt. Grundlage für die Software ist dabei die Erkenntnis, dass Bezirke, in denen ein Einbruch passiert ist, häufig kurz darauf mit weiteren Einbrüchen in unmittelbarer Nähe rechnen müssen. Sind die gefährdeten Gebiete erst einmal ausgemacht, kann die Polizei sich dort auf die Lauer legen und den Täter_innen zuvorkommen oder sie auf frischer Tat ertappen. So die Idee. Um diese Orte ausfindig zu machen, muss die Software mit diversen Daten gefüttert werden und diese mit einem – betriebsgeheimen – Algorithmus verknüpfen.
Einmalig ist der Test der bayrischen Polizei übrigens nicht: In Zürich kommt die „precob“-Software seit über einem Jahr zum Einsatz und in NRW soll eine ähnliche Software Einbrüche vorhersagen.
Und auch die britische Polizei arbeitet mit vorhersagender Software. In London testete sie hierfür jüngst eine Software, die die Wahrscheinlichkeit errechnen sollte, ob strafrechtlich in Erscheinung getretenen Gangmitglieder erneut Straftaten begehen würden. Hierfür wurden nun gerade personenbezogene und nicht anonyme Daten verwendet, schließlich ging es hier explizit darum, zu erkennen, welche Personen wieder straffällig werden könnten. Im Test wurden dabei historische Daten verwendet, bei einem Einsatz im Polizeialltag sollen es jedoch aktuelle sein. Die Software arbeitet dabei nicht nur mit Informationen aus Polizeidatenbanken, sondern bezieht auch Internetaktivitäten der Beobachteten mit ein. So interessiere auch, wenn Gang-Mitglieder Drohungen im Internet posteten. Dies müsste eine laufende Überwachung der Onlineaktivitäten der Betroffenen nach sich ziehen.
Der Einsatz solcher Software ist einer relativ neuen Art von Polizeiarbeit zuzuordnen – dem sogenannten Predictive Policing.
Kriminalität wird hierbei als ein errechenbares Risiko behandelt, das es frühestmöglich zu verhindern gilt. Die Polizei soll den potentiellen Täter_innen mit ihren, eventuell noch gar nicht geplanten, Straftaten zuvorkommen. Dies geht über die „klassische“ Präventionsarbeit der Polizei hinaus, bei der es darum geht, konkret bevorstehende Straftaten zu verhindern. Darf die Polizei hier immer nur eingreifen, wenn ein sogenannter Anfangsverdacht vorliegt, geht es beim „Predictive Policing“ gerade darum, dass Polizist_innen immer früher im Vorfeld von Straftaten tätig werden. Um so operieren zu können, müssen sie frühestmöglich über erwartete Straftaten informiert sein. Hierbei hilft ihnen Vorhersage-Software, die die Wahrscheinlichkeit der Begehung dieser Straftaten errechnet. Solche Software gilt dabei als umso treffsicherer, je mehr Daten sie verarbeiten kann. Eine Beschränkung auf anonyme Falldaten sowie jede andere Art von Datenschutz machen aus dieser Perspektive keinen Sinn. Auch müssen die Kompetenzen der Polizei hierfür erheblich ausgeweitet werden, soll sie bereits zuschlagen dürfen, bevor eine konkrete Straftat bevorsteht. Viele Unbeteiligte werden dadurch in das Kontrollraster der Polizei fallen und es ist auch zu befürchten, dass die Polizei an Orten, an denen eine Straftat erwartet wird, gerade vorurteilsbelastete Kontrollen wie „Racial Profiling“ anwenden wird, um die mutmaßlichen Noch-nicht-Täter_innen ausfindig zu machen.